Sunday 23. February 2020
Predigten

Der Tod am Kreuz ist nicht das Ende!

(aus der Predigt zur Monatswallfahrt von Subprior P. Franz am 1. August 2008)

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Vor gut einem Monat, am Hochfest Peter und Paul (genau bei der Vesper am Vorabend, also am 28. Juni), hat Papst Benedikt in der Basilika St. Paul vor den Mauern in Rom das Paulusjahr offiziell begonnen. Es dauert genau vom 28. Juni 2008 bis zum 29. Juni 2009. Es ist ein außerordentliches Jubiläumsjahr anlässlich des 2000. Jahrestages der Geburt des heiligen Apostels Paulus eröffnet - so lautet der etwas sperrige offizielle Titel. Man muss dazu sagen, dass wir das genaue Jahr für die Geburt des Paulus ja nicht kennen; Geschichtswissenschaftler und kirchliche Tradition sind sich aber ziemlich einig, dass sie zwischen 7 und 10 nach Christus angesetzt werden muss. Also passt 2008, 2009 als Gedächtnisjahr recht gut.


Welche Verbindung gibt es vom Paulusjahr zu unserer Monatswallfahrt? Auf den ersten Blick keine offensichtliche. Vielleicht noch - wer unsere Kirche kennt, der könnte sagen - da vorne so sieben, acht Meter höher so ungefähr vor der ersten Bank, da steht eine Paulusstatue, nämlich auf dem Hochaltar; wer oben in der Kirche sitzet, der kann sie wahrscheinlich gut sehen - rechts neben dem Hochaltarbild. Das ist auch eine gewisse Verbindung zu Paulus.


Eine andere Verbindung, auch eine eher äußerliche Verbindung wüsste ich noch - ganz so äußerlich ist sie dann auch nicht mehr. Dem hl. Paulus verdanken wir womöglich, dass wir hier miteinander beten. Paulus wird der Heiden­apostel ge­nannt. Warum? Weil er die Frohe Botschaft von Jesus vor allem unter den Heiden weitergegeben hat. Oder mehr noch, weil er sich dafür eingesetzt hat mit aller Kraft, dass die Frohe Botschaft nicht bei den Juden stehen bleiben darf, sondern auch an die Heiden weitergegeben werden muss. Am Anfang hat es ja eher so ausgesehen, als ob diese neue Bewegung rund um Jesus eine Sache innerhalb des Judentums ist; Jesus ist ein Jude, die Apostel stammen alle aus Galiläa, Judäa, der Umgebung von Jerusalem. Paulus hat es richtig gesehen, dass Jesus die Absicht ge­habt hat, dass seine Botschaft nicht im Judentum stehen bleiben soll, bei den Juden in Judäa, Galiläa und vielleicht noch in den jüdischen Diaspora-Gemeinden im ganzen Mittel­meerbereich. Da hat es ja in den meisten größeren Orten kleine jüdi­sche Gemeinden gegeben. Paulus hat es richtig erkannt: auch die Heiden sollen die Frohe Botschaft von der Erlösung bekommen, von der Gnade (das heißt von der Zuwendung Gottes zu den Menschen). Ihm waren die Heiden vielleicht auch deshalb ein besonderes Anliegen, weil er selber in einer heidischen Stadt geboren ist: in Tarsus in der damaligen römischen Provinz Kilikien / Zilizien (heute liegt das in der östlichen Türkei); Tarsus war damals eine Hafenstadt und ein Handelszentrum mit einer größeren jüdischen Diaspora-Gemeinde. Und dadurch hat Paulus beide Welten, die jüdische - er ist streng jüdisch erzogen worden - und die heidnische gekannt. Und wenn sich Paulus nicht so sehr für die Heiden eingesetzt hätte - wer weiß säßen wir jetzt hier? Ich weiß in der Geschichte darf man nicht wirklich fragen: Was wäre ge­schehen wenn. Aber fest steht, dass Paulus eine gewaltigen Beitrag geleistet hat, dass sich das Christentum so weit verbreitet hat, dass es über Jeru­salem, Judäa, Galiläa hinausgegangen ist, über die Städte am Mittelmeer, in der Folge über die Alpen usw. Also auch da haben wir eine Verbindung zu Paulus. Sicher eher eine äußerliche.


Eine andere Verbindung haben wir, wenn wir auf unser Gnadenbild schauen, auf Maria. Ob Paulus Maria selbst gekannt hat? Schwer zu sagen. Im Neuen Testa­ment haben wir weder eine Bestätigung noch einen klaren Widerspruch. Paulus ist in Jerusalem gewesen; wiederholt. Er hat dort seine Ausbildung zum Schriftgelehrten bekommen; er sagt selber "zu Füßen Gamaliels" (Apg 22,3), ein berühmter Lehrer in Jerusalem; bei der Steinigung des Stephanus war er dabei (vgl. Apg 7,58). Drei Jahre nach seiner Bekehrung war er wieder in Jerusalem, allerdings nur für 15 Tage, schreibt er im Galaterbrief (Gal 1,18); später war einige Male in Jerusalem: z.B. beim so genannten Apostelkonzil (vgl. Apg 15; Gal 2), und zum letzten Mal als er gefangen genommen wird (Apg 21) - von dort geht es dann nach Cäsarea Marittima zum Amtssitz des Statthalters (zuerst Felix, dann Festus), und nach seiner Appellation an den Kaiser nach Rom, wo er nach einer mühsamen Reise (mit Schiffbruch vor Malta) ankommt. Ob er bei seinen Besuchen im Jerusalem Maria getroffen hat; es ist nicht unmöglich. Und noch etwas: Paulus hat zwar eine Menge Briefe geschrieben - an die Christen-Gemeinden, die er betreut hat; und in diesen Briefen kommt Maria namentlich nicht vor. Aber inhaltlich kommt sie vor: "Als ... die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt ..." (Gal 4,4). So heißt es im Galaterbrief. Wir haben es in der Lesung gehört. Und von diesem Brief an die Galater wird angenommen, dass Paulus in den Jahren 53 bis 56 n. Chr. geschrieben hat. Damit wäre das der erste, der früheste Hinweis auf die Muttergottes; denn vier Evangelien (und auch andere Schriften aus dem Neuen Testament, die in Frage kommen) sind erst etliche Jahre später niedergeschrieben worden.

 

Eine andere Verbindung haben wir noch zwischen unserer Wallfahrt und dem heiligen Paulus, wenn wir auf unser Gnadenbild schauen. Es ist die schmerz­hafte Muttergottes. Sie hält den Sohn in Händen, der gerade vom Kreuz abge­nommen worden ist. Paulus ist einer, der in seien Briefen immer wieder klar macht: der Tod am Kreuz ist nicht das Ende - und das drückt ja auch das Gnadenbild der Pietà aus. Paulus führt das noch deutlicher aus. Der Tod am Kreuz ist nicht etwas, das dem widerspricht, dass Jesus der Messias ist, der Retter der Welt ist, Gottes Sohn ist. Der Tod am Kreuz bedeutet nicht (vereinfacht gesagt) das Aus vor den Menschen und vor Gott; der Tod am Kreuz ist damals ja als ein Verbrechertod ange­sehen worden - und damit wäre Jesus nichts anders als ein hingerichteter Ver­brecher. Paulus betont, dass das Kreuz keineswegs das Aus vor den Menschen und vor Gott bedeutet. Er schreibt an die Korinther: "Wir ... verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit." (1 Kor 1,23).


Warum ist der Kreuzestod (und dann die Auferstehung) für die Heiden eine Torheit? Schauen wir uns das genauer an. Mit den Heiden sind in diesem Zusam­menhang vor allem die Griechen gemeint - der Brief ist an die Gemeinde in Korinth gerichtet. Und in der griechischen Mythologie, in ihrer Welt der Götter und Halb­götter gibt es schon verschiedene Gestalten, die einen gewaltsamen Tod erleiden, die in die Unterwelt hinabsteigen: und manche von ihnen kann man auch als Erlöser- als Rettergestalten ansehen (so ähnlich wie den Messias). Aber es stimmt schon, was Paulus sagt: diese Gestalten, sind solche, die letztlich gescheitert sind. Ihr Tod war eine Torheit. Manche werden von (anderen) Göttern mit dem Tod be­straft, werden (teils unschuldig) sozusagen hingerichtet - und können dem noch irgendwie entkommen, weil sie sozusagen in letzter Sekunde in Bäume oder Stern­bilder ver­wandelt werden: Kyparissos wird zur Zypresse; der Jäger Orion wird zum Sternbild des Orion, Kallisto landet als Stern in der Polargegend. Also letztlich ge­scheiterte, oder gerade noch entkommene Gestalten - also wirklich Torheit, wie es Paulus sagt.
Oder eine Erlösergestalt wäre Prometheus (der den Menschen das Feuer bringt und sie sozusagen aus dem Dunkeln rettet); er endet an einen Felsen ge­schmiedet - für alle Zeiten. Also gescheitert - eine Torheit.


Oder Orpheus, der in die Unterwelt hinabsteigt - der also sozusagen den Tod überwindet - hinabsteigt in die Unterwelt und wieder heraufsteigt um Euridike wieder zu bekommen. Knapp vor dem Ziel scheitert er. Der Abstieg in die Unterwelt war für ihn Torheit.
Oder ein anderer, der in die Unterwelt hinabgestiegen ist Herakles/Herkules: Bei einer von seinen vielen Prüfungen steigt er dort hinab um den Zerberus zu bändigen, den Höllenhund, der den Eingang zur Unterwelt bewacht. Das gelingt ihm. Er steigt hinab und herauf. Aber seinem echten Tod kann er nicht ausweichen durch das Nessushemd. Auch er scheitert; ein solcher Tod ist für ihn auch eine Tor­heit. Ich glaube in der griechischen Mythologie wird es noch eine ganze Menge solche Beispiele dafür geben, dass Paulus sagen kann: Christus, ein Retter, ein Er­löser, als der Gekreuzigte ist für Heiden eine Torheit. - Und wenn es schon auf dem Hintergrund der Mythologie für die Griechen ein Gekreuzigter als Messias, als Retter der Welt, eine Torheit sein muss - in der Mythologie kann man sich noch alles Mögliche vorstellen - auf dem Hintergrund der griechischen Philosophie muss ein Gekreuzigter als Messias, als Retter der Welt noch viel schlimmer aussehen, eine noch viel größere Torheit sein. Selbst dem Tod des Sokrates - mit dem Schierlings­becher - kann man in diesem Zusammenhang nichts Weises abgewinnen; er ist eine Torheit, auch wenn seine Lehre eine weise war.

 

Und warum ist Christus als der Gekreuzigte für Juden ein empörendes Ärgernis? Bei den Juden hat jeder Gekreuzigte als ein von Gott Verfluchter gegolten; mit der Begrün­dung (aus dem Buch Deuteronomium): "Denn es steht in der Schrift: Verflucht ist jeder, der am Pfahl hängt." (Gal 3,13 nach Dtn 21,23 (LXX)). "Dies Wort wurde im Jud[en]t[um] auch auf einen Gekreuzigten bezogen", meint ein Kommentar nüchtern dazu. Also jeder der mit dem Kreuz zu tun hat, der hat in den Augen der Öffentlichkeit de facto als ein von Gott Verfluchter gelten können.
Trotz alledem betont Paulus: "Das Wort vom Kreuz ist ... [für] uns Gottes Kraft." (1 Kor 1,18) Wie kann man sich das vorstellen? Das Kreuz erinnert uns daran, wie groß die Liebe sein muss, die Gott zu uns Menschen hat, wenn er seinen eigenen Sohn Leid und Tod durchmachen lässt, wenn er Leid und Tod nicht ausklammert. Das Kreuz sagt uns: wir sind Gott also nicht egal, nicht gleichgültig, ganz im Gegenteil. Hinter dem Kreuz steht die Liebe Gottes.


Das Kreuz verbindet beides: Wenn wir uns das Kreuz und Christus als den Gekreuzigten vor Augen stellen, dann sehen wir (ich sag es übertrieben einfach): "Freude und Leid gehören in unserem Leben zusammen." Zu unserem Leben gehört der Tod aber genauso die Auferstehung.
Wir leben heute eher in einer Zeit, in der wir Leid, Tod etc. ziemlich aus unserem Leben verdrängen; schon allein örtlich, Kranke und Sterbende kommen in Krankenhäuser, Geisteskranke in geschlossene Anstalten usw. Sicher wollen wir einerseits gute Pflege für sie; aber andererseits spielt auch mit: Wir möchten an Leiden und Tod nicht anstreifen, wir verdrängen den Gedanken daran (obwohl wir wissen, Verdrängen geht auf die Dauer nicht gut). Da ist das Kreuz dann ein Zeichen dafür: "Du brauchst Leid und Tod nicht aus deinem Leben verdrängen, das Leid, der Tod braucht uns nicht wahnsinnig werden lassen, verzweifeln lassen, depressiv werden lassen." Denn Kreuz verbindet den Tod mit dem Leben. Wenn wir auf das Kreuz hinschauen, brauchen wir den Tod und das Leid nicht verdrängen - und gleichzeitig man braucht bei Tod und Leid nicht hängen zu bleiben. Das Kreuz ist das Zeichen dafür, dass am Ende nicht Tod und Leid stehen bleibt, sondern dass darauf die Auferstehung folgt - und das war nicht nur für Jesus so, sondern das gilt auch für uns alle.

Diese Hoffnung auf die Auferstehung schaut aus den Augen der Pietà, aus den Augen unseres Gnadenbildes, und diese Hoffnung auf die Auferstehung ver­kündet uns Paulus: "Nun aber ist Christus auferweckt worden ... wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden." (1 Kor 15,20-22).


Unser Gnadenbild und der heilige Paulus können uns dieselbe Botschaft vermitteln: Der Tod am Kreuz bedeutet nicht das Aus vor den Menschen und vor Gott, ganz im Gegenteil. Der Tod am Kreuz zeigt uns, dass unsere Schwäche, unser Leiden, unsere Not nicht etwas ist, das uns zeigt: Gott hat uns vergessen, er mag uns nicht. Genauso wie Gott im Leiden, in der Schwäche, im Tod, Jesus nahe war, so ist er genauso auch uns nahe, wenn es uns so geht. Dadurch wird Jesus zu unserem Retter, denn er gibt uns mit seiner Auferstehung einen Ausblick auf unsere Auf­erstehung.

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