Thursday 9. July 2020
Predigten

"Im Anfang war das Wort..."

(aus der Predigt von Abt Clemens am Christtag, 25. Dezember 2008)

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Ich habe in Göttweig schon viele Weihnachten erlebt mit fast ausschließlich schönen Erinnerungen, aber auch – zugegebenermaßen - mancher Enttäuschung. Aber darüber zu reden ist hier nicht der richtige Platz. Ein wenig enttäuscht war ich in meiner Kindheit immer vom Evangelium der Weihnachts-Festmesse, dem Prolog des Johannes-Evangeliums: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott" (Joh 1,1). Es war kindliche Enttäuschung gegenüber dem schönen Bericht des Lukas-Evangeliums in der Christmette. Dort ist der ganze Rahmen aufgezeigt: der Weg von Josef und Maria von Nazareth nach Bethlehem zu der von Kaiser Augustus veranlassten Volkszählung, die Herbergsuche, die Geburt des göttlichen Kindes im Stall, die Botschaft des Engels an die Hirten und schließlich das "Gloria in excelsis" der Engel.

Demgegenüber ist der Prolog des Johannes-Evangeliums anscheinend sehr nüchtern, viel mehr abstrakt klingend. Das Johannes-Evangelium aber ist eine weihnachtliche Botschaft, die wie sein ganzes Evangelium nach langer Meditation, nach innerem Hören, Schauen und Beten entstanden ist. Während Lukas den zeitgeschichtlichen Hintergrund absteckt – das Kind steht im Rahmen der Weltgeschichte; das Kind von Bethlehem bringt die ganze Welt in Bewegung bis hin zu Kaiser Augustus, der sich von seinen Untertanen "Herr und Retter der Welt" nennen ließ; wahrscheinlich darauf Bezug nehmend verkündet der Engel den Hirten: "Heute ist euch in Bethlehem der (wirkliche) Retter geboren, der Messias, er ist der Herr!" (vgl. Lk 2,11) – , greift Johannes für sein Weihnachts-Evangelium noch weiter zurück. Die Geschichte des Gottessohnes beginnt nicht in Nazareth oder in Bethlehem, beginnt nicht mit der Aussage "Das Wort ist Fleisch geworden" (Joh 1,14), sondern mit "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott". Der Sohn ist präexistent und nicht in der Zeit entstanden, aber in der Zeit geboren. Das Kind von Bethlehem ist das lebendige Wort Gottes (Logos), der Sohn, die zweite göttliche Person, "Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott" (Credo).

 

Freilich haben sich mit dieser Aussage vom "Wort" (logos) schon viele schwer getan oder tun sich schwer, um es einigermaßen zu verstehen. Johann W. Goethe (Faust I.) war nicht der erste und sicher auch nicht der letzte. Aber gerade bei einer so zentralen Aussage der biblischen Botschaft dürfen wir uns nicht herumdrücken. Frage: Welche weihnachtliche Botschaft wird uns mit der Aussage vermittelt "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott."? Dazu möchte ich aus der Zahl der Bedeutungen von Logos (Wort) im Johannesevangelium einige Beispiele nennen:
 
"Wort": bedeutet Grund, Ursache aller Dinge, Seinsgrund der Wirklichkeit - der letzte Grund meines Daseins. Mein Dasein hat, so wie es ist – und damit die ganze Situation des Menschen – einen Grund, ein Warum, einen Sinn. Dieser letzte Sinn liegt in Gott. Ein Hymnus aus dem Stundengebet beginnt mit den Worten: "O seliger Urgrund allen Seins, Heiland der Welt, Herr Jesus Christ, du Licht von deines Vaters Licht und wahrer Gott vom wahren Gott."
 
"Wort" – als schöpferisches Wort: Gott hat alles durch sein Wort erschaffen. "Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, ... alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen" (Kol 1,16f.). Er hat alles geschaffen. Der Mensch findet seinen Sinn erst, wenn er anerkennt, dass er von Gott abhängt und auf ihm aufbaut. Er ist Schöpfer, wir sind Geschöpf.
 
"Wort" – als Weisheit, die die Schöpfung regiert: Bei Gott liegt nicht nur der letzte Grund allen Seins, der Grund für das Sein aller Dinge, sondern auch der Grund dafür, wie die Dinge "hier" und "jetzt" sind, d.h. alle Daseinssituationen, "alles ist durch das Wort geworden" (Joh 1,3), alles was geworden ist und noch wird, hat in Gottes verfügender Weisheit einen Sinn. Die ganze Welt hat diesen Sinn. Dieser Gedanke reicht sehr weit und schafft Klarheit, denn von ihm her gesehen ist keine menschliche Situation sinnlos, mag sie scheinbar auch noch so seltsam sein. Meine eigene menschliche Situation, die Situation der Menschheit und der Welt, der Kirche: alle haben sie in Gottes verfügender Weisheit einen Sinn. Nur wenn man darauf vertraut, kann man ohne Resignation, Bitterkeit und Abscheu existieren, angesichts des bisweilen grenzenlosen Chaos, das uns umgibt. Bei Gott liegt somit der letzte Grund aller Situationen des Seins, der Grund dafür, dass die Welt heute so ist.
 
"Wort": Licht und Leben spendendes Wort. Der Logos ist der Seinsgrund, deshalb ist er Licht und Leben (Joh 1,4). Alles hat einen Sinn, und dieser Sinn erhellt das Dunkel, ist Licht und spendet Licht, d.h.: trotz des Dunkels, in dem der Mensch sich zur Zeit befindet, trotz der menschlichen Tragödie, die ihn umgibt, trotz der Prüfungen, die über die Kirche gekommen sind, und vieler absurder und scheinbar hoffnungsloser Situationen, in denen sich die Welt befindet und auch wir uns befinden können, ist allem ein Evangelium vorgegeben, eine Frohbotschaft, die uns versichert, dass es für dies alles einen Sinn gibt, auch wenn ich ihn momentan nicht wahrnehmen kann.
 
Dieses Wort, der Logos, der Seinsgrund aller Dinge, das schöpferische Wort Gottes, die Weisheit, die die Welt regiert, das Wort, das Licht und Leben spendet, ist nicht die Idee von Philosophen, der Wunschtraum gelehrter Menschen, dieser Gott ist kein Mythos, dieser Gott ist Wirklichkeit und Leben. Der unsichtbare Gott ist sichtbar in unsere Welt eingetreten: "Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter und gewohnt" (Joh 1,14).
Weihnachten ist das Fest des sichtbaren Eintritts Gottes in die Welt. Keine Abwendung der Menschen von Gott kann diese Hinwendung Gottes zu den Menschen verhindern. "Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden" (Joh 1,12). Gratulieren wir uns dazu, dass Gott uns zu seinen Kindern macht.
 
Es ist wichtig, dass wir uns angesichts des kleinen Kindes in der Krippe, vor dem wir uns mit den Hirten neigen, die ganze Größe und Unbegreiflichkeit Gottes vor Augen stellen, dass wir "das unfassbare Geheimnis der Menschwerdung Gottes im Glauben bewahren und in liebender Hingabe feiern" (Tagesgebet am 19.12.). Dazu sollen wir neu entdecken, selbst wieder klein anzufangen. Diese Erkenntnis schmerzt, obwohl uns bewusst ist, dass wir alle im biologischen wie auch im biographischen Sinn "klein angefangen" haben. Dieser Lernprozess ist leichter zu schaffen, wenn wir ihn als einen Weg zur Krippe von Bethlehem betrachten. Der Stern von Bethlehem führt uns zur Kleinheit des Anfangs. Dort fängt Gott selbst ganz klein an, um den Menschen zu sich zurückzuführen.
 
Wenn uns die Worte fehlen, wenn wir staunend das Wunder der Menschwerdung Gottes betrachten, wenn wir zur Seite treten, um Gott Platz zu machen, dann und nur dann bekommt Weihnachten seinen eigentlichen Sinngehalt. Und das alles nur, weil Gott gesprochen hat – nicht irgendwelche belanglosen Worte, sondern nur ein Wort, und das heißt: Jesus, Sohn des lebendigen Gottes. "Im Anfang war dieses Wort, und dieses Wort war bei Gott, und das Wort war Gott" (vgl. Joh 1,1).

Amen.

 

 

1. Lesung: Jes 52,7-10 - 2. Lesung: Hebr 1,1-6 - Evangelium: Joh 1,1-18

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