Saturday 30. May 2020
Predigten

"Herr, wir möchten Jesus sehen!"

(aus der Predigt von Subprior P. Franz zum 5. Fastensonntag am 29. März 2009)

Liebe Brüder und Schwestern! 

 

"Herr, wir möchten Jesus sehen!" Mit diesem Satz haben sich einige Griechen an den Philippus gewandt. Diese Griechen, darf man annehmen, das waren keine Menschen die Jesus aus Sensationslust oder nur aus Neugier haben sehen wollen. Es steht extra dabei, dass sie zu denjenigen gehört haben, die nach Jerusalem hinaufgezogen sind, damit sie den Herrn anbeten; also solche Griechen, die den jüdischen Glauben ernst genommen haben, die ihn haben annehmen wollen, oder sogar schon angenommen haben; also suchende Menschen, im religiösen Sinn suchende Menschen. Man kann sich natürlich fragen, warum die nicht direkt zu Jesus gehen. Vielleicht hat sich Jesus in einer Gegend aufgehalten, wo Nicht-Juden unerwünscht waren, vielleicht in einem Teil des Tempels, der nur für Juden vorgesehen war. Oder sie haben sich als Fremde einfach nicht getraut, dass sie so einfach zu einem jüdischen Rabbi, für den sie Jesus halten haben, zu einem jüdischen Lehrer hingehen. Mit Philippus haben sie sich vielleicht leichter getan, dass sie ihn anreden: er trägt einen griechischen Namen (Philipp, genauso wie der Vater von Alexander dem Großen, sonst herrschen bei den Aposteln ja eher nicht-griechische Namen vor - Ausnahme Andreas). Und Philippus war aus Betsaida, und das liegt nicht weit von der Dekapolis, einem Bund von 10 Städten (wie der Name sagt), von Städten die hellenistisch / griechisch geprägt waren.

 

Philippus nimmt sich den Andreas "als Verstärkung", und gemeinsam gehen sie mit dem Wunsch der Griechen zu Jesus; mit dem Wunsch „Herr, wir möchten Jesus sehen!" Und Jesus - ja irgendwie hat man das Gefühl - Jesus gibt keine rechte Antwort; er sagt zwar viel, auch viel Tiefgehendes, aber die direkte Antwort auf den Wunsch, die bleibt letztlich offen. Aber - man kann sie schon vorausahnen. Jesus gibt zu verstehen, dass der Glaube nicht nur vom Sehen kommt, sondern auch vom Hören, auch vom Hören auf die Zeugen. Sie erinnern sich an die Szene mit dem Donner, die da mitten in der Rede auftaucht; Jesus meint dazu: "Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch." Es geht um das Hören; das ist etwas, was der Evangelist Johannes immer wieder betont. Zum Beispiel fügt er nach der Erzählung über die Kreuzigung - unmittelbar danach, sofort nach dem Lanzenstich - einen ganz markanten Satz ein: "Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt." (Joh 19,35; vgl. 21,24) Oder auch in der Erzählung vom so genannten ungläubigen Thomas wird derselbe Gedanke noch einmal aufgegriffen. Da sagt Jesus ganz zum Schluss zu Thomas: „Weil du mich gesehen hast, glaubt du. Selig sind, die nicht sehen, und doch glauben." (Joh 20,29) Und dieses Wort gilt nicht nur für diesen Thomas, sondern auch und vor allem für alle, die das Evangelium später hören oder lesen.

Also die Antwort, die Jesus auf den Wunsch: "Herr, wir möchten Jesus sehen!" gibt, die geht einerseits in die Richtung, dass es nicht das Sehen allein ist, das diese Griechen - sozusagen - "glücklich" macht, sondern dass das Hören auf die Zeugen ebenso zum Ziel führt. Nur ein Detail am Rande: Die ersten Jünger kommen durch das Hören zu Jesus. Die ersten beiden Jünger stehen bei Johannes dem Täufer; Jesus geht vorbei, Johannes schaut ihn an und sagt: "Seht das Lamm Gottes" und dann heißt es weiter: "Die beiden Jünger hören, was er [Johannes] sagte, und folgten Jesus." (Joh 1,37) Man hat den Eindruck die beiden Jünger haben Jesus da gar nicht viel nachgeschaut, hinter Jesus hergeschaut. Sie haben gehört, das Johannes der Täufer gesagt hat, und weil sie gehört haben, haben sie geglaubt, und deswegen sind sie Jesus nachgefolgt.


Also die Antwort, die Jesus auf den Wunsch: "Herr, wir möchten Jesus sehen!" gibt, geht einerseits in die Richtung, dass nicht nur das Sehen, sondern auch und gerade das Hören auf die Zeugen zum Glauben und damit zur Erlösung führt.


Und andererseits geht die Antwort, die Jesus gibt, in die Richtung, dass sich diese Griechen vielleicht etwas anderes zu sehen erwarten, als sie dann tatsächlich sehen werden. Jesus bereitet sie mit seiner Antwort darauf vor: Ihr dürft euch nicht nur einen Weisheitslehrer erwarten, oder einen Messias der gleich der strahlende, der verherrlichte Sohn Gottes ist, sondern es wird euch jemand begegnen, der zuerst durch den Tod hindurch gehen muss. "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt", mit diesem Satz macht er deutlich, dass die Erlösung nicht in einem glorreichen Augenblick kommen wird, sondern dass er, Jesus, die tiefsten Tiefen durchschreiten wird, die es im Leben gibt, Leid und Tod, und dass er von da her die Erlösung bringen wird. Verklausuliert sagt Jesus das auch mit dem Satz gegen Ende des heutigen Evangeliums: "Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alles an mich ziehen."

Jesus spielt damit auf das Kreuz an - er meint damit also nicht (nur) die Erhöhung auf einem (irdischen oder himmlischen) Thron, sondern er kündigt damit an, dass er oben am Kreuz sein wird. Dort werden sie ihn sehen. Ja mehr noch: Sie werden ihn nicht nur sehen, sondern er wird sie an sich ziehen, ihre Blicke ihr ganzes Wesen an sich ziehen.


Jesus bereitet sie mit seiner Antwort also darauf vor, dass das, was sie sehen werden, ihnen womöglich nicht gefällt, oder ihnen nichts sagt; denn Leid und Tod, das wird für sie womöglich etwas sein, das nicht zu einem Messias zu passen scheint, oder auch nur zu einem Weisheitslehrer. Paulus bringt das in einem Brief auf den Punkt: "Wir ... verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, [für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit.]" (1 Kor 1,23) Die griechische Philosophie kann einem gekreuzigten Messias, oder auch nur einem leidenden Messias nichts abgewinnen. Selbst dem Tod des Sokrates - mit dem Schierlingsbecher - kann man in diesem Zusammenhang nichts Weises abgewinnen; er ist eine Torheit, auch wenn seine Lehre eine weise war. Und nicht einmal in der griechischen Mythologie mit ihren zum Teil sehr markanten Gestalten, manchmal sogar sehr seltsamen Gestalten, nicht einmal da gibt es jemanden, der durch das Leiden Erlösung bringt, selbst so leidende Gestalten wie Orpheus oder Prometheus.


Jesus möchte diese Griechen, die den Wunsch haben "Wir möchten Jesus sehen!", darauf vorbereiten: Sie werden etwas anderes zu sehen bekommen, als sie erwarten - und trotzdem soll sie das, was sie dann sehen, zum Glauben führen und damit zur Erlösung führen - selbst wenn das Gesehene sozusagen "nichtssagend ist". Ein Beispiel dafür wieder im Johannesevangelium nach der Kreuzigung und Grablegung: Petrus und der Jünger den Jesus liebte, laufen zum Grab, und dieser Lieblingsjünger schaut hinein, sieht nur das Leinenbinden, die Schweißtuch - also nichts, nicht das, was er erwartet. Und von diesem Jünger heißt es dann trotzdem: "Er sah und glaubte." (Joh 20,8) oder gerade deswegen "Er sah und glaubte."


"Herr, wir möchten Jesus sehen!", das ist vielleicht auch unser Wunsch - und für uns gilt derselbe Ausblick wie für die Griechen im Evangelium: Jesus sehen, Gott sehen. Wir haben die Möglichkeit, dass wir hören (oder lesen), was uns die Zeugen sagen. Und für uns gilt dieselbe Erwartung wie für diese Griechen. Jesus/Gott kann uns anders begegnen, als wir es erwarten; vielleicht verstehen wir ihn manchmal nicht, vielleicht ist für uns manchmal nichtssagend, vielleicht entzieht er sich unserer Vorstellung. Gleichzeitig haben wir aber mit diesen Griechen die Aussicht: "Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen." Auch uns wird er an sich ziehen, unsere Blicke, unser ganzes Wesen. Amen.

 

 

 1. Lesung: Jer 31,31-34 - 2. Lesung: Hebr 5,7-9 - Evangelium: Joh 12,20-33

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